Die Geschichte des Zentrums am Obertor begann 1976. Als die Winterthur Versicherungen 1975 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, wollten die Verantwortlichen nicht einfach ein grosses Fest steigen lassen, sondern etwas Nachhaltiges für den Standort tun. Die Jubiläumskommission erkannte, wie sehr der demografische Wandel unsere Gesellschaft verändern würde und beschloss, ein «Winterthur-Modell für die Integration älterer Menschen» zu entwickeln. Das Modell sollte in Form einer Stiftung umgesetzt werden – diese Stiftung gibt es bis heute, mittlerweile heisst sie «Generationen-Dialog».

«Lebensgemeinschaften über die Generationen hinweg»

Das «Winterthur-Modell» umfasste drei Elemente: Die Überbauung «Unteres Bühl» sollte zeigen, wie altersgerechte Wohnungen in Überbauungen integriert werden; eine Expertengruppe entwickelte «Dienstleistungen zugunsten der Betagten in Winterthur», aus denen das heutige Winterthurer Altersforum entstand. Das Zentrum am Obertor sollte als Begegnungs- und Bildungsstätte Generationen zusammen­führen. Zudem gehörten zum Zentrum 31 Wohnungen für eine «generationenübergreifende Nachbarschaft». Der damalige Präsident der «Winterthur», Hans Braunschweiler, wünschte sich in seiner Eröffnungs-Ansprache 1977, dass das Obertor zum «leuchtenden Beispiel für echte Lebensgemeinschaften über die Generationen hinweg» wird.

Begegnung und Bildung

Jung und Alt im gleichen Kurs zu vereinen gelang immer wieder.

Jung und Alt im gleichen Kurs zu vereinen gelang immer wieder.

Das Konzept schlug sofort ein: Das Bildungsangebot war von Beginn weg umfassend und abwechslungsreich. Nach fünf Betriebsjahren belegte eine Umfrage, dass das Ziel der Zusammenführung von Menschen aller Schichten und Altersgruppen erreicht worden war. Die angestrebte Verbindung von Bildungs- und Begegnungsaspekten funktionierte gut: Sie war wohl das entscheidende Alleinstellungs­merkmal des Zentrums gegenüber ähnlichen Institutionen. Erster Zentrumsleiter war Erich Werner. Noch in seiner Epoche stieg die Winterthurerin Mirjiam Inauen als Kursleiterin ein. Herausragend am Obertor sei die sehr wohlwollende Atmosphäre gewesen, sagt sie. «Es gab keinen Leistungsdruck: Im Zentrum stand, einander zu treffen, gemeinsam zu lernen, sich auszutauschen.» Die Angebote seien gleichzeitig immer auf hohem Niveau gewesen. Zudem sei es immer wieder gelungen, Alt und Jung im selben Kurs zu vereinen – oder auch Behinderte und Nichtbehinderte.

Die richtigen Gefässe für den Dialog

Konzerte im lauschigen Obertor-Innenhof bildeten regelmässige Höhenpunkte

Konzerte im lauschigen Obertor-Innenhof bildeten regelmässige Höhenpunkte

Nach über 20 Jahren wurde Erich Werner pensioniert. Seine Nachfolge trat Therese von Laere an. Sie war vorher beim Migros-Kulturprozent tätig gewesen und brachte viel Erfahrung mit. «Das Kurswesen lief bereits sehr gut», erinnert sie sich, «deshalb konnte ich den Veranstaltungsteil aufbauen.» Therese von Laere förderte vor allem zwei Bereiche: Musik und Philosophie. Der Hof im Zentrum wurde fortan regelmässig für die «Hofkonzerte» genutzt, die jeweils Hunderte von Zuhörern anlockten.

Café Philo war der monatliche überregionale Publikumsrenner - bekannte Philosophen gaben sich die Klinke in die Hand

Café Philo war der monatliche überregionale Publikumsrenner – bekannte Philosophen gaben sich die Klinke in die Hand

Mindestens so erfolgreich war auch das Café Philo. «Philosophie­veranstaltungen sind ein ideales Gefäss, um Jung und Alt zusammenzubringen», sagt Therese van Laere. Am Café Philo stimmten die Teilnehmenden von der Gymnasiastin bis zum Pensionierten jeweils über die Diskussionsthemen ab.

Kursangebot mit Generationen-Fokus

Im August 2015 montiert unser Hausmeister die neu gestalteten Beschriftungen

Im August 2015 montiert unser Hausmeister die neu gestalteten Beschriftungen

Ums Jahr 2000 veränderte sich das Kursangebot: «Mir war wichtig, dass wir ganz am Puls des Geschehens sind», sagt Therese van Laere. Das Zielpublikum verdankte es mit hohem Zuspruch. «Die Veranstaltungen am Obertor leisteten viel für den Generationen-Dialog», so Therese van Laere.

Mit der letzten Geschäftsführerin Regula Stocker fokussierte sich das Obertor dann nochmals stark auf dieses Kernthema. Die Chancen und Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft wurden vermehrt thematisiert – eine wichtige Vorgabe des Stiftungsrats. Ausserdem arbeitete das Team stark darauf hin, mit einem neuen, frischeren Auftritt auch wieder neues Publikum ans Obertor zu locken.

Die Zeiten ändern sich – die Erfahrung bleibt

2016 hat sich der Stiftungsrat in Absprache mit der Stifterin AXA Winterthur intensiv mit der Weiterentwicklung der Stiftung befasst. Das kulturelle, soziale und sportliche Angebot von privater und öffentlicher Seite ist seit ihrer Gründung deutlich grösser geworden. Um die verfügbaren Ressourcen gezielter einzusetzen, hat die Stiftung entschieden, sich künftig ausschliesslich auf überregionale, langfristige Projekte zu konzentrieren.

Als die Schliessung bekannt wurde, investierten Regula Stocker und ihr Team viel Effort in gute Anschlusslösungen für Kunden und Mitarbeitende. Diese Wertschätzung wurde von vielen Seiten sehr geschätzt. Dazu eine Kundin: «Auch wenn die Tatsache, dass die Kurse und Veranstaltungen nicht mehr im Obertor stattfinden, ein Verlust für die sozio-kulturelle Vielfalt in der Altstadt ist, gratuliere ich Ihnen zum sorgfältigen, kundenfreundlichen und lösungsorientierten Übergang, den Sie gestaltet haben. Bravo und Danke!»

In Winterthur bleiben einige Angebote im Rahmen der «Winti-Kurse» bestehen. Wo andere Angebote wie Orchester, Theaterensemble oder Spielgruppen weitergehen, lesen Sie hier. Die ehemalige Leiterin Therese van Laere denkt an die vielen unvergesslichen Momente: «Das Zentrum am Obertor wird in den Erinnerungen der Menschen weiterleben.»