In der Stiftung Generationen-Dialog am Obertor ist es noch ruhig, es ist Mittagszeit. Um 13.30 Uhr öffnet das Sekretariat und erlebnisomatmein Abenteuer kann losgehen. Dort steht der Erlebnisomat – ein blaues Gerät mit der Aufschrift «Raus aus dem Alltag». Ich werfe einen Zweifränkler ein und kann nun wählen, was ich erleben möchte.

Zögerlich drücke ich auf die Taste «Für Verrückte, ein kurzes Erlebnis». Es klappert und eine kleine Papierbox erscheint: Rufe jemanden Fremden an und erkundige dich, wie es gehe. Ich beginne zu lachen, eine Reise zurück in meine Zeit der Telefonscherze. Ich packe mein Handy aus der Tasche und öffne die Webseite des Telefonbuchs.

Den ersten Namen, der mir einfällt, tippe ich ein: Hauser, Winterthur. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und rufe die erste Person an. Aus dem Lautsprecher klingt ein Piep. Diese Nummer ist ungültig. Mein Herzschlag beruhigt sich wieder etwas. Zweiter Versuch, aber keiner geht ans Telefon. Auch beim dritten Versuch habe ich kein Glück. Alle scheinen zu arbeiten, tagsüber sind heute wenige auf Festnetznummern erreichbar. Also wähle ich eine neue Strategie und tippe auf Google «079 Winterthur» ein. Zuoberst erscheint ein Eintrag des Eisenbahner Skiclub Winterthur (ESW). Ursula Keller ist die Kassierin des Vereins und kümmert sich um die Website. Augen zu und durch: Das Telefon klingelt.

Ursula Keller meldet sich mit einem kurzen «Hallo». Ich werde nervöser, wie soll ich ihr nun genau erklären, was ich tue? «Grüezi Frau Keller, hier ist Kern. Keine Angst, ich möchte Ihnen nichts verkaufen.» Ursula Keller schweigt. «Ich wollte Sie nur fragen, wie es Ihnen heute geht?» Es kommt mir so vor, als würde ich die Verwunderung von Ursula Keller durchs Telefon spüren. Sie antwortet wiederum kurz: «Gut.» Nun kann ich mich nicht mehr zurückhalten und beginne zu lachen. Ich erkläre ihr, die Idee des Erlebnisomaten. Nun lacht auch sie. Wir verabschieden uns wieder.

Gespräche übers Wetter

Erlebnisomat Salome Kern

Nachdem mein erstes verrücktes Erlebnis funktioniert hat, habe ich Mut geschöpft und mache mich an meine zweite Challenge: Geh nachmittags in die Migros oder ins Coop Restaurant, setz dich zu einer betagten Person, die allein da ist, und beginne mit ihr übers Wetter zu sprechen. Meine Nervosität kehrt sofort wieder zurück. Ich bin nicht gerade schüchtern, aber nun muss ich mich wirklich etwas überwinden. Ich betrete den Manor in Winterthur und fahre mit der Rolltreppe schnurstracks in den obersten Stock. Ich schaue rechts und links: Das Coop Restaurant ist gut besetzt, vorwiegend ältere Menschen sitzen an den Tischen, allein ist aber kaum jemand. Also hole ich mir zuerst einen Kaffee und stehe dann mit meiner dampfenden Tasse etwas verloren da.

Ich entdecke einen älteren Herrn. Aber auf meiner Box steht, dass ich eine betagte Person ansprechen soll. Was aber heisst betagt? Wieder hilft mir hier mein Handy weiter: Ich suche nach «betagt Definition» und lande auf der Webseite des Dudens. Die Bedeutung des Worts «schon ziemlich alte Person». Also setze ich mich vorsichtig zu ihm. Und frage: «Entschuldigen Sie, aber wie alt sind Sie?» Verdutzt blickt mich der Herr an. Etwas misstrauisch antwortet er mit einer Gegenfrage: «Wieso?» Ich stocke. «Das erkläre ich Ihnen später.» Er sei 70 Jahre alt. Hanspeter Schär sein Name. Gut gelaunt frage ich wieder: «Wie finden Sie das Wetter?» Hanspeter Schär ist sehr zufrieden mit dem Wetter: «Von mir aus könnte es bis im Frühling so bleiben.» Da muss ich ihm zustimmen und wir beginnen ein Gespräch über Wetter-Rekordjahre. «Ich habe noch nie einen so warmen November erlebt», erzählt mir Hanspeter Schär. Einige Minuten später, mein Kaffee ist fast leer, trifft ein Freund von Hanspeter Schär ein und ich verabschiede mich. Wieder auf der Rolltreppe, ich grinse breit. Welche Wendung mein Nachmittag genommen hat – das hätte ich definitiv nicht erwartet.

Mit einer Portion Mut

Der Erlebnisomat des Künstlers Martin Gut ist eine lustige Idee. Ich weiss nicht, was auf den anderen Papierkästchen steht, aber meine Aufgaben haben doch eine Portion Mut gebraucht. Neben der Erlebnisanweisung steht auf der Box der Hinweis: «Wir übernehmen keine Haftung für allfällige negative Erfahrungen. Wir geben lediglich Anstoss für andere Erlebnisse. Die Konsequenzen schreibt das Leben selbst.» Ich bin zum Glück nicht auf Ablehnung gestossen, meine Gesprächspartner fanden die Idee auch lustig. Ich kann mir aber in der Zeit von Anrufbelästigungen durch Callcenter durchaus vorstellen, dass sich nicht alle über einen solchen Anruf freuen. Es lohnt sich aber, das Risiko einzugehen. Der Erlebnisomat ist übrigens schon weit herumgekommen: Seine «Geschwister» standen am Kulturort Galerie Weiertal in Winterthur, am «Doing Nothing Festival» in Zürich sowie in Düsseldorf, München oder Berlin.

 

Der Winterthurer Stadtanzeiger hat uns diesen Artikel über den «Erlebnisomat» freundlicherweise zur Verfügung gestellt. www.zueriost.ch