Theater – Das Team ist der Star
 

Theater – Das Team ist der Star

Seit 2004 gibt es am Obertor einen Theaterkurs. Er beginnt jeweils Ende Oktober – und endet Ende September mit der Aufführung des erarbeiteten Stücks. Die 30 bis 40 Teilnehmenden wachsen in dieser intensiven Zeit zu einer Art Grossfamilie zusammen.

Jeden Dienstag vereint das Theaterensemble Obertor 30 bis 40 Leute, die gemeinsam improvisieren, ihre Sprech- und Atemtechnik schulen und ein Stück erarbeiten. Erstaunlich ist, wie prächtig diese Gruppe harmoniert, obwohl sie alles andere als homogen ist: Sie vereint Junge und Alte von 12 bis 78 Jahren, Zaghafte und Verwegene, Rektoren und Schülerinnen. Und sie verändert sich erst noch von Jahr zu Jahr; Neueinsteigende werden aber blitzschnell integriert. Nach drei Wochen weiss ich meist nicht mehr, wer gerade erst dazugestossen ist.

Ich sag’s nicht gern, weil es so klischiert klingt, aber was wahr ist, ist wahr: Zuweilen kommt mir das Theaterensemble Obertor wie eine grosse Familie vor. Wenn wir nach der Probe den Abend bei Tee und Bier im «Alltag» am Unteren Graben ausklingen lassen, wirkt das wie ein Familienausflug mit Grosseltern, Enkelkindern und allem dazwischen.

«Das Ensemble ermöglicht allen, ganz und gar sich selber zu sein.»

Marius Leutenegger, Regisseur

Die grosse Frage ist natürlich: Warum herrscht in dieser Truppe eine solche Atmosphäre?

Eine Ursache ist sicher die Kunstform Theater selbst. Sie ist umfassend, «total», und es gibt wohl kein Talent, das sich nicht irgendwie auf oder neben der Bühne wirkungsvoll einsetzen liesse. Theater, wie ich es verstehe, können alle machen, die Lust dazu haben. Vorbildung spielt keine Rolle – wichtig ist das Wollen, weniger das Können. Theater ist also im besten Sinn ein Gleichmacher. Besonders spürbar wird das jeweils, wenn vor Aufführungen die grosse Nervosität um sich greift – und alle nicht nur wissen, sondern spüren, dass es für einen überzeugenden Auftritt jeden und jede braucht. Das Team ist der Star! Wir sind als Ensemble nur so gut wie jene, die nicht so gut sind, und deshalb sind alle an gegenseitiger Förderung und Ermutigung interessiert.

Auf eine ermutigende Grundstimmung lege ich denn auch sehr viel Wert. Theater macht jene, die es machen, in gewissem Sinn nackt: Man stellt sich aus und hat dabei nichts anderes zur Verfügung als sich selbst. Das verlangt etwas Mut – und die Gewissheit, von den anderen getragen zu werden. Es macht mich stolz, dass man bei uns diese Gewissheit wirklich haben darf. So ermöglicht das Theaterensemble Obertor letztlich auch allen, im grossen Verbund ganz und gar sich selber zu sein. Das entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie – denn man könnte ja meinen, die meisten Leute würden einen Theaterkurs besuchen, weil sie gern in andere Rollen schlüpften!



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